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Risiko oder Leichtsinn: Der Mythos vom Adrenalinjunkie

Risiko oder Leichtsinn: Der Mythos vom Adrenalinjunkie

Lebensmüde. Adrenalinjunkie. Draufgänger mit Todeswunsch. So beschreiben Schlagzeilen und Außenstehende gern, wer klettert, dropt oder von der Klippe springt. Wer den Sport selbst betreibt, erkennt sich darin nicht wieder. Und die Forschung gibt dem Sport recht, nicht der Schlagzeile.

Extremsportler sind meist keine Adrenalinjunkies. Studien zeigen, dass ihre Motivation nicht der Kick ist und ihre Entscheidungen kalkuliert und gründlich vorbereitet sind [1][2]. Der Unterschied zwischen Risiko und Leichtsinn liegt in der Vorbereitung: Wer seine Grenzen kennt und die Situation beherrscht, geht ein informiertes Risiko ein, kein blindes.

Risiko ist nicht dasselbe wie Leichtsinn

Von außen sehen ein kalkuliertes Risiko und blinder Leichtsinn oft gleich aus. Von innen sind sie das Gegenteil. Ein kalkuliertes Risiko ist eine Entscheidung, getragen von Können, Vorbereitung und dem Wissen um die eigenen Grenzen. Leichtsinn ist Handeln ohne diese Grundlage.

Die Forschung formuliert es scharf: Von außen betrachtet trifft der Begriff Risiko oft gar nicht, weil diese Athleten gut vorbereitet sind, ihre Grenzen kennen und informiert entscheiden [1]. Was wie ein Sprung ins Ungewisse wirkt, ist für den, der ihn macht, eine durchgerechnete Entscheidung. Der Rest dieses Textes nimmt die vier gängigsten Vorurteile auseinander, eins nach dem anderen.

Brauchen Extremsportler den Adrenalinkick?

Das alte Erklärmodell sah Extremsport als Sucht nach dem Nervenkitzel, als Sensationssuche. Neuere Untersuchungen widersprechen. Die Teilnahme hängt nicht mit Risikosuche, Aufregung oder dem Bedürfnis nach Adrenalin zusammen [2]. Der Kick ist ein Nebenprodukt, nicht das Ziel.

Was die Athleten tatsächlich suchen, sind andere Dinge: das Meistern einer Sache, ein Gefühl von Freiheit, die Verbindung zur Umgebung, das Wachsen an einer echten Herausforderung [2][4]. Wer nur den Adrenalinstoß wollte, käme billiger und sicherer dran. Der Aufwand, den diese Leute treiben, ergibt für eine reine Sucht keinen Sinn.

Haben Extremsportler einen Todeswunsch?

Das Todeswunsch-Bild ist das genaue Gegenteil dessen, was die Forschung findet. Teilnehmer betreiben detaillierte Vorbereitung, gerade um die Möglichkeit eines schlechten Ausgangs zu minimieren [2]. Ihre Entscheidungen sind kalkuliert, gestützt auf jahrelange Erfahrung und umfangreiche Vorbereitung [1].

Ein Todeswunsch und akribisches Risikomanagement passen nicht zusammen. Wer sterben wollte, würde nicht das Material dreimal prüfen, die Bedingungen studieren und den Ausstieg planen. Genau das aber tun diese Athleten. Die Sorgfalt ist der beste Beweis gegen das Klischee.

Sind sie einfach furchtlos?

Nein, und Furchtlosigkeit wäre auch gefährlich. Auch erfahrene Athleten spüren in Hochrisiko-Situationen Angst, und diese Angst verschafft Respekt vor der Situation und stützt ein sichereres Handeln [3]. Was sie haben, ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern ein brauchbares Verhältnis dazu.

Der Unterschied ist entscheidend. Furchtlosigkeit würde das wichtigste Warnsignal ausschalten. Wer die Angst dagegen liest und nutzt, entscheidet besser. Mehr dazu steht in unserem Beitrag über den Umgang mit Angst.

Ist das nicht trotzdem unverantwortlich?

Von außen kann es so wirken. Aber diese Athleten kennen ihre Grenzen aus Jahren, in denen sie genau an diesen Grenzen gearbeitet haben, und wägen die Entscheidung gegen ihre eigenen Fähigkeiten und ihr technisches Können ab [1][4]. Das ist das Gegenteil von unverantwortlich, es ist eine informierte, selbst getragene Entscheidung.

Dazu kommt eine Haltung, die im Klischee komplett fehlt: Mut in diesen Sportarten ist eng mit Demut verbunden, mit dem Wissen, dass die Natur oder die Situation größer ist als man selbst [4]. Wer so denkt, überschätzt sich seltener, nicht öfter.

Wann Risiko doch Leichtsinn wird

Das alles ist keine Freikarte. Genau dieselbe Handlung kippt in Leichtsinn, sobald die Grundlage fehlt. Wenn die Vorbereitung übersprungen wird, das Können nicht zur Aufgabe passt, die eigenen Grenzen ignoriert werden oder das Ego über das Urteil siegt, dann ist es kein kalkuliertes Risiko mehr.

Die üblichen Kipppunkte kennt jeder aus der eigenen Szene: der Gruppendruck, das „jetzt zieh halt durch", die Müdigkeit am Ende eines langen Tages, der Alkohol vom Vorabend, das Filmen fürs Publikum. Entscheidend ist nie die Schwierigkeit der Linie, sondern ob die Entscheidung vorbereitet und selbst verantwortet ist. Und ein echtes Gefahrensignal ist ein Stopp, kein Mutbeweis.

Ein letzter Punkt: Wenn der Sog zum Risiko aufhört, eine Entscheidung zu sein, und sich zwanghaft oder selbstzerstörerisch anfühlt, ist das etwas anderes als der Sport, über den dieser Text spricht. Dann lohnt es sich, mit jemandem darüber zu reden.

Was das für dich heißt

Du bist kein Draufgänger, der einem chemischen Kick hinterherjagt. Du bist jemand, der sich vorbereitet, die Situation liest, seine Grenzen kennt und dann entscheidet. Genau diese Haltung belohnt der Sport, und genau sie unterscheidet dich von dem Bild, das Außenstehende von dir haben. Das Klischee gehört ihnen. Die Entscheidung gehört dir.

 

Quellen

[1] Brymer E, Houge Mackenzie S. Psychology and the extreme sport experience. In: Feletti F, Hrsg. Extreme Sports Medicine. Cham: Springer; 2017:3–13.

[2] Brymer E. Risk taking in Extreme Sports: A phenomenological perspective. Annals of Leisure Research. 2010;13(1–2):218–239.

[3] Brymer E, Schweitzer R. Extreme sports are good for your health: A phenomenological understanding of fear and anxiety in extreme sport. J Health Psychol. 2013;18(4):477–487. DOI 10.1177/1359105312446770.

[4] Brymer E, Oades L. Extreme sports: A positive transformation in courage and humility. J Humanist Psychol. 2009;49(1):114–126. DOI 10.1177/0022167808326199.